Von Aurich bis Osnabrück: Rassismus und rechte Gewalt benennen


Osnabrück, 16. Juli 2020. Im Rahmen des Projekts „Name it!“ berät der Verein Exil ab sofort Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in der Region Nordwest-Niedersachsen. Die Beratungsstelle hat zum 3. Juli ihre Arbeit aufgenommen. Von Emden bis zur Wesermarsch, von der Grafschaft Bentheim bis Diepholz: Betroffene haben damit eine neue Anlaufstelle, die sie bei allen Schritten von der Anzeige der Tat über das Empowerment bis zur Sichtbarmachung von Rassismus unterstützt und begleitet. „Rassismus, rechte Gewalt, Antisemitismus und andere Formen menschenfeindlicher Gewalt sind in Niedersachsen allgegenwärtig. Allein im vierten Quartal 2019 wurden 321 Fälle rechtsmotivierter Straftaten polizeilich registriert, davon 90 in der Region Nordwest“, erklärt Exil-Geschäftsführerin Sara Höweler. Das Projekt „Name it!“ wolle den Betroffenen dabei helfen, die Taten aufzuarbeiten und zu bewältigen. Dies geschehe nicht nur in Osnabrück, die Berater des Vereins seien mobil: „Wir fahren auch raus und beraten Betroffene direkt in ihrem Heimatort. Wenn wir von Fällen erfahren, suchen wir auch proaktiv den Kontakt, wobei wir immer Partei für die Betroffenen ergreifen und ausschließlich in ihrem Sinne handeln.“

Beratung ist kostenfrei, vertraulich und auf Wunsch auch anonym

Die Beratung richte sich gezielt an Menschen, die Gewalt erfahren mussten. „Wir beraten zu allen Formen von Gewalt – seien es Beschimpfungen, Bedrohungen, Gefährdungen, Verletzungen bis zum Mord oder Beschädigung von Eigentum“, erklärt Höweler. Auch Freund*innen, Angehörige sowie Zeug*innen des Vorfalls könnten die Beratung von Exil in Anspruch nehmen. „Auf Wunsch beraten wir auch anonym“, ergänzt Projektmitarbeiter Ambachew Anjulo, die Betroffenen könnten sich ohne Angabe ihres Namens per E-Mail oder telefonisch melden. In Kürze werde auch eine Webseite eingerichtet, über die Betroffene oder Zeug*innen über ein Kontaktformular eine Tat melden und Beratung in Anspruch nehmen können. Das Angebot sei kostenfrei.

Auftaktveranstaltungen in allen Kreise und kreisfreien Städten der Region Nordwest geplant

Gefördert wird das Projekt vom Landes-Demokratiezentrum Niedersachsen aus Mitteln des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ und Landesmitteln. Auch in den anderen Regionen Niedersachsens wurden Beratungsstellen eingerichtet: Für die Region Nordost-Niedersachsen ist künftig das CJD Nienburg, für Südniedersachsen der Verein Asyl e.V. in Hildesheim zuständig. In den nächsten Monaten liege der Fokus auf der Bekanntmachung des Angebots. „Wir wollen dafür Auftaktveranstaltungen in allen Kreisen und kreisfreien Städten der Region Nordwest machen und knüpfen zurzeit entsprechende Kontakte“, so Höweler. Um das Projekt erfolgreich durchführen zu können, sei der Verein auf ein breites Netzwerk angewiesen und nehme gerne Hinweise von anderen Stellen entgegen. Beratungsstellen etwa, die im Bereich Migration tätig seien und von Fällen rechter Gewalt erfahren, könnten sich gerne an Exil wenden oder ihre Klient*innen über das Projekt informieren. „Das Angebot befindet sich zurzeit noch im Aufbau, aber wir geben gerne schon erste Infos heraus und freuen uns auf die neuen Aufgaben und Herausforderungen“, so Anjulo.

Anjulo: „Bieten psychosoziale Beratung und Empowerment-Angebote an“

Die Beratung orientiert sich dabei am Empowerment-Konzept, das Menschen dazu befähigen will, sich ihrer eigenen Fähigkeiten wieder bewusst zu werden und Kräfte zu entwickeln, um ihren Lebensalltag bewältigen zu können. „Betroffene rechter Gewalt scheuen sich häufig, die Tat zu melden“, sagt Anjulo. „Ein Grund dafür ist auch die Angst, erneut ins Visier der Täter zu geraten.“ Hier wolle Exil unterstützen und dazu ermutigen, Tat und Täter zu benennen. Aber auch diejenigen, die keine rechtlichen Schritte wünschen, erhalten Unterstützung: „Wir bieten psychosoziale Beratung an, schaffen Empowerment-Angebote und wollen Betroffenen dabei helfen, in Zukunft besser auf entsprechende Übergriffe reagieren zu können“, so Anjulo.

Kommt Meldestelle für rechte und rassistische Gewalt in Osnabrück?

Der Start des Projekts fällt in eine Zeit, in der der Rat der Stadt Osnabrück die Stadtverwaltung erst vor Kurzem aufgefordert hat, den Bedarf für eine Meldestelle für rechte und rassistische Übergriffe zu prüfen. „Im Rahmen der Ratssitzung am 7. Juli wurde das Projekt ‚Name it!‘ erwähnt, wir sind hierzu auch bereits in Gesprächen mit dem Gleichstellungsbüro der Stadt“, kommentiert Höweler. „Falls die Meldestelle kommen sollte, können wir uns eine Zusammenarbeit grundsätzlich gut vorstellen“, so Höweler weiter. Je nachdem, welche Funktion und Aufgaben solch eine Meldestelle haben solle, halte sie aber eine unabhängige Trägerschaft für die beste Lösung. „Es gibt dafür in Hessen ein gutes Beispiel: Die Beratungsstelle Response betreibt dort die Internetseite ‚Hessen schaut hin‘.“

Kontaktmöglichkeiten für Betroffene rechter Gewalt

Betroffene rechter Gewalt können sich per E-Mail unter oder telefonisch an das Projekt-Team von Exil wenden: 0541 380699-0.