Gesichter des Vereins: Marco Bazalik


In diesem Monat ist die Sunday-Gruppe von Exil zu einem Tagesausflug nach Münster und im Oktober zur Familienfreizeit an die Nordsee bei Cuxhaven gefahren. Die monatlich stattfindenden Sonntagsaktivitäten der Gruppe werden seit 2016 von Marco Bazalik organisiert. Klaus Stakemeier fragte Marco nach seiner Motivation für sein Engagement, seine Erfahrungen und weiteren Pläne.

Klaus: Marco, du arbeitest als Studienberater in der Zentralen Studienberatung (ZSB) für die Universität und Hochschule Osnabrück. Wie kam es dazu, dass du im Juni 2016 unsere vom damaligen Praktikanten Sebastian Nitschke geführte Exil-Wandergruppe übernahmst und ihr schnell den Namen „Sunday-Gruppe“ gabst?

Marco: Ich arbeite seit 2009 in der ZSB und bin 2014 nach Osnabrück gezogen. 2015 kam ich beruflich erstmalig mit Geflüchteten in Kontakt, sei es durch Einzelberatung oder Informationsveranstaltungen für das Studium. Im Sommer 2015 bin ich dann bei einer Infoveranstaltung der Uni auf das Exil-Projekt von Sebastian Nitschke aufmerksam geworden. Die grundsätzliche Idee, durch Wanderausflüge mit Geflüchteten interkulturelle Begegnung zu schaffen, gefiel mir so gut, dass ich mich in eine Interessenliste für die Wandergruppe von Exil eintrug. Hinzu kam, dass ich durch den Umzug auch auf der Suche nach einer ehrenamtlichen Tätigkeit bzw. einem Verein war. Für den nächsten Exil-Ausflug schloss ich mich der Wandergruppe um Sebastian an, der jedoch einige Monate später aufgrund eines Masterstudiums nach Frankfurt zog und die Gruppenleitung daher abgeben musste. Da ich mich mit der Grundidee der Wandergruppe sehr gut identifizieren konnte und bis dahin einige schöne Ausflüge mitmachen durfte, war es für mich klar, diese Idee ehrenamtlich weiterzuentwickeln. Und nun zu deiner Frage nach der Namensänderung von „Wander-Gruppe“ zu „Sunday-Gruppe“: Mir schien der ursprüngliche Name der Gruppe zu eng auf die Aktivitäten des Wanderns gefasst. So unterbreitete ich dann nach einigen Überlegungen meinen Mitstreiter*innen recht schnell den Vorschlag, die Wandergruppe in Sunday-Gruppe „umzutaufen“, denn so wären wir breiter in unseren Ausflugszielen aufgestellt und der Gruppenname hätte somit auch einen deutlicheren Bezug zum Ausflugstag, nämlich den Sonntag. Hinzu kommt, dass im neuen Namen der Gruppe das englische Wort „sun“, also Sonne steckt, was für Tagesausflüge ja immer schön ist. Außerdem können wir mit dem Namen die Internationalität der Gruppe unterstreichen.

Klaus: Eine deiner ersten großen Aktivitäten war die Organisation eines Tagesausflugs am 26. Juni 2016 zum Osnabrücker Zoo. Seitdem hast du nicht nur viele Sonntagsaktivitäten durchgeführt, sondern sogar drei Familien-Freizeit-Wochenenden. Kannst du uns von Ausflügen berichten, die dir und allen Teilnehmenden in Erinnerung bleiben werden, weil sie etwas Besonderes waren?

Marco: Der Ausflug am 26. Juni 2016 war tatsächlich ein besonderer Ausflug für mich, den aber noch eine weitere geschätzte Ehrenamtliche mit mir organisiert hatte, die leider aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr dabei sein kann. Wir hatten für den Zoo-Besuch ca. 15 Anmeldungen erhalten, so dass wir im Vorfeld eine Führung im Zoo zu günstigeren Konditionen aushandeln konnten. Zum Treffpunkt an der Lagerhalle kamen an dem Sonntagmorgen im Juni 2016 aber fast dreimal so viele Personen, was meine Kollegin und mich anfangs ein wenig überforderte, da wir mit so vielen Personen (davon viele Familien mit Kindern) nicht die gebuchte Führung beim Zoo durchführen konnten. Nach einem klärenden Telefonat mit den Verantwortlichen vom Zoo entschlossen wir uns dann, alle mitzunehmen, die Führung abzusagen und eine Preisermäßigung an der Kasse für über 40 Personen zu verhandeln, was mir zum Glück auch gelang. Ein regulärer Eintrittspreis für die Gruppe hätte fast unser gesamtes Jahresbudget für weitere Ausflüge aufgezehrt. Mit großer Erleichterung konnte ich dann die Eintrittskarten an strahlende Kinder, Eltern und junge alleinstehende Erwachsene verteilen. Eine Besonderheit dieses Ausflugs für mich persönlich war daher auf jeden Fall die Herausforderung, diesen Ausflug trotz der anfänglich etwas unerwarteten Situation wegen der vielen Teilnehmenden doch mit einem guten Gefühl durchzuführen und dabei zu erleben, wie dankbar sich die Geflüchteten für diesen Ausflug zeigten und die Abwechslung sichtlich genossen. Viele sprachen erst einige Wörter Deutsch, doch dennoch gelang irgendwie die Verständigung. Mittlerweile bin ich da etwas entspannter, aber dennoch ist die Ungewissheit zu Beginn immer etwas belastend. Daher werden wir auch zukünftig ein „Ticket-System“ mit Exil einführen, was die Anzahl der Teilnehmenden bei bestimmten Veranstaltungen im Vorfeld begrenzt. Dann müssten sich Interessierte bei diesen Veranstaltungen ein Ticket bei Exil abholen, das in der Regel für die meisten Ausflüge der Sunday-Gruppe gratis für die Teilnehmenden sein wird und eher für uns eine bessere Organisation und Kostenkontrolle ermöglicht.

Zurück zum Zoobesuch 2016: Mein persönliches Highlight des Ausflugs im Sommer 2016 war, dass ich an diesem Tag eine syrische Familie kennenlernen durfte, mit der sich von dem Tag an eine innige langjährige Beziehung aufgebaut hat. Mittlerweile haben die Eltern neben den beiden Jungs noch eine kleine Tochter bekommen und ich bin überglücklich, ein Teil dieser Familie zu sein und sie hier in Deutschland vor über zwei Jahren bei dem Zoobesuch getroffen zu haben. Für den Familienvater bin ich der „große Bruder“ und durch die nahezu wöchentlichen Begegnungen habe ich schon sehr viel über den Islam, Syrien, die arabische Mentalität und die Vielfalt der syrischen Küche erfahren. Trotz einiger kultureller sowie religiöser Unterschiede habe ich durch die zahlreichen und intensiven Gespräche mit meinem syrischen „Bruder“ viele Gemeinsamkeiten entdeckt, aber auch neue spannende sowie erhellende Aspekte kennenlernen dürfen, für die ich sehr dankbar bin. Gerade deswegen halte ich es – übertragen auf unsere Sunday-Gruppe – für so wichtig, Anlässe zu schaffen, bei denen Einheimische und Zugewanderte etwas gemeinsam unternehmen und dabei auch inspiriert durch die Ausflüge in den Dialog kommen. Im Idealfall werden dann durch die gemeinsamen Erlebnisse gleiche Interessen gestiftet, die Menschen aus unterschiedlichen Kulturräumen und Ländern zusammenbringen und am Ende, so wie bei mir zu der syrischen Familie, tiefe Freundschaften schaffen und beide Seiten nachhaltig bereichern.

Klaus: Gerade Ausflüge mit Familien kannst du nicht allein begleiten. Wer fährt außer dir als Begleiter mit und wie konntest du sie dafür gewinnen?

Marco: Bei allen Ausflügen gilt bei uns, dass mindestens zwei Ehrenamtliche die Aktivitäten begleiten, denn es kann ja immer vorkommen, dass eine Begleitperson kurzfristig ausfällt. Bei den Familienfreizeiten wie z.B. am Alfsee oder an der Nordsee waren wir immer zu viert. Einige Begleitpersonen habe ich insbesondere für die Familienfreizeiten direkt angesprochen, da es mir wichtig war, sowohl männliche als auch weibliche Begleitpersonen zu haben. Mittlerweile haben wir im Orga-Team eine komfortable Situation, da bereits über Exil oder die Freiwilligen-Agentur engagierte Personen sich direkt an die Sunday-Gruppe gewendet haben, um bei den Ausflügen zu helfen bzw. diese zu begleiten. Zurzeit sind wir im Kernteam drei bis vier Personen, zwei weitere unterstützen gelegentlich und zwei Studentinnen haben sich erst kürzlich bei mir gemeldet, um unsere Sunday-Gruppe zu begleiten. Besonders dankbar bin ich für die Unterstützung durch einen jungen Syrer, der mich seit einem halben Jahr bei fast allen Ausflügen begleitet und mir sehr gut bei Sprachschwierigkeiten und als Kulturmittler zur Seite steht. Auch hier hat sich mittlerweile eine enge Freundschaft gebildet.

Klaus: Bei den Unternehmungen kommt der Sprache sicher eine besondere Bedeutung zu. Legst du Wert darauf, dass alle Deutsch sprechen?

Marco: An erster Stelle möchte ich, dass die Teilnehmenden Freude bei den Ausflügen haben. Manchmal entschuldigen sich einige bei mir, wenn sie mit anderen Personen in ihrer Landessprache sprechen. Ich bin da ganz entspannt, denn es geht ja auch um den Austausch untereinander. Da ich selbst leider kein Arabisch spreche, bis auf ein paar Brocken wie „Danke“, „lecker“ oder „Los geht’s“ sprechen die Geflüchteten Deutsch mit mir oder Englisch. Ich versuche bei den Ausflügen auch immer, mit möglichst allen zu sprechen, um mehr über jeden einzelnen zu erfahren. Bei den Gesprächen mit Geflüchteten bin ich dabei immer in meiner Rolle als Studienberater unterwegs. Wenn ich z.B. höre, dass jemand in seinem Heimatland studiert hat und gerne in Deutschland das Studium fortsetzen möchte. Da nutzt mir selbstverständlich mein Beruf als Studienberater für die Universität und Hochschule Osnabrück, denn ich kann dann konkrete Tipps zur Studienwahl geben und an verschiedene Personen an den Hochschulen verweisen, mit denen Kontakt aufgenommen werden sollte. Es kommt auch nicht selten vor, dass ich einige Geflüchtete bei mir in der Studienberatung antreffe. Häufig werde ich dann erstmal gesiezt, was mich nicht wundert, da ich dann den Geflüchteten in einer anderen Rolle begegne. Dann bin ich der Hochschulmitarbeiter, der mit ihnen als Studienberater spricht. Wenn ich mich noch gut an die Personen erinnere, eröffne ich das Gespräch dann meistens mit den Worten: „Wir kennen uns ja bereits vom letzten Ausflug mit Exil und waren ja bereits beim ,Du‘, daher können wir jetzt auch gerne beim ,Du‘ bleiben, wenn das okay ist.“ Meistens löst sich dann auch ein wenig die Anspannung, denn ich weiß aus einigen Erzählungen, dass manchmal Geflüchtete nicht ganz so schöne Erfahrungen bei Institutionen gesammelt haben. Hinzu kommt, dass in ihren Heimatländern die Begegnungen mit Behörden oder staatlichen Einrichtungen häufig weniger erfreulich waren, was mit Sicherheit dann auch immer wieder zu größeren Ängsten bzw. Unsicherheiten auf Seiten der Geflüchteten führt.

Klaus: Dein Beruf des Studienberaters für die Universität und Hochschule Osnabrück bringt dich also auch mit Geflüchteten zusammen. Meinst du, dass Exil auch an Osnabrücks Hochschulen Beachtung findet?

Marco: Bei den beiden Hochschulen ist Exil schon sehr präsent. Außerdem kann ich selbst ja auch einen Teil dazu beitragen, dass Exil bei den beiden Hochschulen im Fokus bleibt. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Organisationen und Einrichtungen, die für Geflüchtete Unterstützung anbieten, ist in Osnabrück schon sehr gut. Ich weiß von anderen Hochschulen, dass Osnabrück hier wirklich vorbildlich ist. Am 10. November war zum Beispiel der zweite „Basar der Bildung“ für Geflüchtete und Interessierte, der von den beiden Hochschulen und der Zentralen Studienberatung ausgerichtet wurde. Neben einem Dutzend verschiedener Einrichtungen wie z.B. der Arbeitsagentur, der Caritas oder dem Jobcenter war auch Exil mit seinen Angeboten bei der Veranstaltung vertreten und der Infostand war auch gut besucht.

Klaus: Kannst du schon sagen, was für die Sunday-Gruppe demnächst geplant ist und bekommst du mit, wie die anderen Exil-Gruppen arbeiten?

Marco: Wir wollen dieses Mal etwas langfristiger planen, das heißt bis zum Sommer 2019. Da wird es dann wieder eine Mischung aus eher niederschwelligen Angeboten geben wie Radtouren oder geführten Wanderungen über Tagesausflüge und Museumsbesuche für Familien sowie junge Erwachsene. Aufgrund der sehr positiven Rückmeldungen zu den Familienfreizeiten mit Übernachtungen mit Vollverpflegungen in Jugendherbergen planen wir für Familien in den Sommerferien wieder eine Freizeit am Alfsee und erstmalig für alleinstehende Erwachsene mit Fluchthintergrund ein Wochenende in Berlin, vermutlich um Pfingsten. Von mehreren Seiten wurde ich nach den beiden tollen Familienfreizeiten angesprochen, dass es für Alleinstehende keine vergleichbaren Angebote mit Übernachtung gäbe und daher kam die Idee, mit diesen zumeist jungen Erwachsenen mal für ein Wochenende in unsere Bundeshauptstadt Berlin zu fahren, was mit Sicherheit ein tolles Event wird. Berlin ist immer eine Reise wert! Konkrete Termine, Ausflugsziele und Infos zur Anmeldung werden wir rechtzeitig über die Exil-Website  sowie über Flyer bekannt geben.

Klaus: Mir ist in Erinnerung, dass sich viele bei Exil gefreut haben, als du direkt mit der Aufnahme deiner ehrenamtlichen Arbeit für die Sunday-Gruppe auch Mitglied bei Exil wurdest. Warum war dir das wichtig und meinst du, dass Exil den Bedürfnissen von Geflüchteten und Migrant*innen weiterhin gerecht werden kann?

Marco: Ach, das freut mich aber sehr, das zu hören. Da ist mir wohl ein Ruf voraus geeilt. Ich fühle mich bei Exil als Mitglied wirklich sehr wohl. Die Leute sind sehr nett und engagiert. Das gemeinsame Engagement verbindet dabei ungemein zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen von Exil. Irgendwie wurde mir vermutlich das Thema Ehrenamt bereits schon in die Wiege gelegt. So bin ich schon von klein auf in Vereinen aktiv gewesen, zuerst als aktiver Ringer in einem Detmolder Polizei-Sport-Verein, wo ich mich später als Jugendlicher im Trainerbereich und dann einige Jahre als Abteilungsleiter ehrenamtlich eingebracht hatte. Später kamen noch andere Ehrenamtstätigkeiten dazu wie z.B. im Studium, in der Kirche oder einem Fachverband für Studienberatung. Das Ehrenamt und die gelebte Mitgliedschaft in Vereinen bedeutet mir daher sehr viel. Einige Ehrenamtsaktivitäten musste ich leider einstellen, weil der Wohnortwechsel zu einer zunehmenden Distanz führte. Dafür konnte ich jedoch mein Engagement bei Exil weiter ausbauen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Vereine bzw. das Ehrenamt, sei es in Sport, Kultur, Kirche oder anderen Bereichen viel dazu beitragen, der zunehmenden Individualisierung und dem stetigen Wandel etwas entgegenzusetzen. Was Exil betrifft, so können die tollen Gruppen- und Einzelangebote wie der Beratung zum Familiennachzug, der Integrationsberatung usw. einen wesentlichen Beitrag zur Integration von Zugewanderten leisten. Am Ende profitiert die Gesellschaft im großen Maße von den vielen kleinen und großen Einzelleistungen vieler Ehrenamtlicher bzw. Initiativen, die insbesondere da helfen, wo der Staat und die Politik leider Schwächen zeigen. Ich denke, dass jede*r einen kleinen Beitrag leisten kann. Engagement zahlt sich aus, denn im Nachhinein zeigt sich häufig, dass der persönliche Einsatz durch Wertschätzung, Anerkennung und Freundschaft sowie Freude an der „Arbeit“ belohnt wird. Ein Leben ohne Ehrenamt kann ich mir daher ehrlich gesagt nicht vorstellen!

Klaus: Marco, vielen Dank für deine Auskünfte!