Gesichter des Vereins: Tim Zumloh

Tim Zumloh

Am 11. Mai dieses Jahres wählte die Exil-Mitgliederversammlung Tim Zumloh zum Vorsitzenden. Er löst damit nach 30 Jahren Andreas Neuhoff an der Spitze des Vereins ab. Den meisten der bei dieser Wahl versammelten Mitgliedern war Tim längst als Aktiver bei Exil ein Begriff, denn er hatte schon etliche Male Statements für Exil abgegeben – direkt oder auch durch Leserbriefe – oder als Podiumsteilnehmer bei Diskussionen. Das Wissen dazu hatte sich Tim durch seine Leitungstätigkeit und aktive Mitarbeit beim Exil-Projekt FreiZeit für Flüchtlingskinder erworben. Als ab 2013 mehr und mehr Studierende in die Arbeit der 2003 gegründeten Initiative einstiegen, war Tim dabei und lernte unter den Geflüchteten viele Familien mit Kindern und ihre Fluchtgeschichten sowie ihr Leben in der Einrichtung in Bramsche-Hesepe kennen. Klaus Stakemeier wollte von ihm wissen, warum er sich im Verein engagiert und was ihn dazu bewogen hat, für den Vorsitz zu kandidieren.

Klaus: Wo kommst du gebürtig her, Tim, und wie kam es dazu, dass du dich für das Thema »Flucht« interessierst?

Tim: Ich komme aus einer Kleinstadt bei Münster. Als Teenager habe ich begonnen, Menschen mit Migrationsgeschichte in meinem Umfeld bewusst wahrzunehmen. Sozialrechtliche und aufenthaltsrechtliche Probleme, Probleme in der Schule, ich hab schon relativ früh solche Dinge mitbekommen, ohne natürlich je selber betroffen gewesen zu sein oder ansatzweise nachvollziehen zu können, worum es da eigentlich geht. Das kam dann später. Etwa 2012 haben mich die immer neuen Bootsunglücke im Mittelmeer wütend gemacht. Ich habe mich gefragt, wie das sein kann.

Klaus: Warum war dir das Schicksal der Kinder so wichtig und wie wurdest du auf »Exil« und »FreiZeit für Flücht-lingskinder« aufmerksam?

Tim: Ich habe im Frühjahr 2013 ein Praktikum bei Exil gemacht und bin dann hängen geblieben. Das Projekt ist mir damals einfach ans Herz gewachsen. Ich fand und finde, es gibt dort ein gutes Maß zwischen einer Orientierung an den Kids und einem kritischen Bewusstsein für die Zusammenhänge der Arbeit. Es gab und gibt dort wahnsinnig viele unheimlich schlaue Leute: Student*innen der Erziehungswissenschaften, der Sozialen Arbeit, der (Interkulturellen) Psychologie, Ergotherapie, Migrationsforschung, Sozialwissenschaften, der verschiedenen Lehramtsberufe usw. Dazu junge Antirassist*innen, Feminist*innen und eine ganze Reihe einfach pragmatischer, positiver und liebevoller Menschen. Ich habe da erstmal sehr viel gelernt. Ich hatte ja keine Ahnung.

Klaus: Trotz deines neuen Amtes wirst du weiter für FreiZeit für Flüchtlingskinder arbeiten, übrigens neben einigen anderen Ehrenamtlichen auch mit Corinna Baumann, die stellvertretende Vorsitzende unseres Vereins ist. Wie sieht eure Arbeit momentan aus und wie wirken sich die jeweiligen politischen oder gesetzlichen Bestimmungen auf die Geflüchteten und somit auf eure Arbeit aus?

Tim: Wir fahren ja ganz überwiegend nach Bramsche-Hesepe. Dort kommen eine Menge Leute durch. Länger dort bleiben müssen aber vor allem Angehörige der Balkanstaaten. Es gibt eine ganze Reihe von Baustellen. Ich will nur die wichtigsten nennen: Die Art und Weise der Unterbringung finden wir nach wir vor nicht in Ordnung. Erst recht nicht, nachdem beschlossen wurde, dass Angehörige der so genannten sicheren Herkunftsstaaten da gar nicht mehr rauskommen sollen. Es gibt überhaupt kein Interesse, diese Menschen irgendwie in Deutschland ankommen zu lassen. Im Gegenteil: Sie werden zur „freiwilligen Ausreise“ gedrängt. Die Landesregierung betont dann die geringe Zahl von Abschiebungen. Das ist kein überzeugendes Konzept. Die einzige Alternative zur „freiwilligen Ausreise“ ist die Abschiebung. Die Freiwilligkeit ist also rein theoretisch. Diese Perspektivlosigkeit bekommen natürlich auch die Kids mit und das stresst sie. Dabei wäre es dringend nötig, dass wir insbesondere für Minderheitenangehörige aus den Balkanstaaten überlegen, ob nicht eigentlich eine Schutzberechtigung vorliegt, wenn es keinen Zugang zu Arbeit und Wohnen gibt und die Kinder anstelle der normalen Schulen in Bruchbuden nebenan gehen müssen. Auch müssten wir mal fragen, ob man Kinder überhaupt abschieben darf. Schließlich haben wir eine Kinderrechtskonvention.

Klaus: Corinna und du habt euch gerade auch zur Mitorganisation des »Politischen Forums« von Exil bereit erklärt. Wie wichtig ist dir neben der sozialen Arbeit eben auch die politische von Exil?

Tim: Nun, ich persönlich halte schon gut gemachte soziale Arbeit für politisch. Manche Probleme sollten wir allerdings tatsächlich noch deutlicher ansprechen. Ich habe gerade ja schon die Situation in Hesepe genannt. Persönlich denke ich außerdem vor allem an die Einschränkungen beim Familiennachzug und an Dublin-Abschiebungen. In beiden Fällen hat sich eine Praxis etabliert, mit der wir nicht zufrieden sein können und die – wäre sie nur bekannter – meiner Einschätzung nach auch von einer Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt würde. Wie etwa kann es sein, dass wir von Menschen Integration erwarten, die sich um ihre Familienangehörigen sorgen, die sich womöglich noch in Krisen- oder Kriegsgebieten aufhalten? Wären diese Familienangehörigen nur hier, würden sie selbstverständlich geschützt, jedoch wird vielen gerade die Einreise verwehrt. Das kann nicht unser Anspruch sein. Es geht hier ganz konkret um Menschenrechte. Der Schutz der Familie steht im Grundgesetz. Noch ganz kurz zu den Dublin-Abschiebungen: Das Dublin-System bewirkt nichts anderes, als dass Menschen innerhalb Europas hin- und hergeschoben werden. Beispielsweise kann so jemand, der oder die sich schon ein Jahr oder länger in Deutschland aufhält, versucht anzukommen, Freund*innen findet und Deutsch lernt, von heute auf morgen nach Italien abgeschoben werden. Gleichzeitig schieben die Niederlande jemanden nach Deutschland ab und Schweden jemanden in die Niederlande. Das ist absurd. Weder trägt es irgendwo zu einer »Entlastung« bei, noch vereinfacht es die Verfahren. Dennoch leben zehntausende Menschen in ganz Europa in Angst, alles zu verlieren, was sie sich gerade eben erst wieder mühsam aufgebaut haben – eben weil eine Abschiebung gemäß der Dublin-Verordnung droht.

Klaus: Tim, der Verein hat sich zu Jahresbeginn angesichts steigender Anforderungen in der Integrationsarbeit zu mehr Wachstum und den Ausbau professioneller Strukturen bekannt und dies durch die Ernennung von Sara Höweler zur Geschäftsführerin unterstrichen. Genau in dieser Zeit hast du dich für die Annahme der Position des Vorsitzenden entschieden. Heißt das, dass du jetzt unseren Verein für die derzeitig anliegenden Aufgaben gut aufgestellt siehst – und möchtest du auch irgendwo neue Akzente zu setzen?

Tim: Sowohl die Stelle der Geschäftsführung an sich als auch Sara persönlich sind eine riesige Bereicherung. Wir benötigen allerdings noch Verstärkung in der Beratung. Unsere Mitarbeiterinnen übernehmen mit jedem Einzelfall aufs Neue eine riesige Verantwortung. Jeder Fall braucht viel Zeit und Energie zur Bearbeitung. Und es gibt eine Vielzahl von Problemen. Es geht ja leider nicht nur um Integration, sondern sehr oft um Bleiberechte oder Familienzusammenführungen.

Klaus: Mit vielem Dank an dich eine letzte Frage: Exil – Osnabrücker Zentrum für Flüchtlinge e.V. feiert in diesem Jahr sein 30-Jähriges. Hast du besondere Wünsche an Politik und Einwohnerschaft Osnabrücks in der Wahrnehmung oder Unterstützung unseres Vereins?

Tim: Ich danke dir, lieber Klaus! Ich denke, wir haben in Osnabrück einen guten Stand. Gleichzeitig freuen wir uns natürlich immer über neue Leute, die bei einem der vielen schönen Projekte mitmachen wollen oder einfach nur Mitglied sein oder etwas spenden wollen.

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